10. Juni 2019 Michi

WISSENISTNACHT #001

Der Wecker klingelt um 5:45 Uhr.

Aufstehen, Kaffee, vorkochen. Um 7 Uhr ins Büro oder auf Dienstreise, in der Mittagspause mehr unter Zeitdruck als entspannt Yoga, um 17.30 Uhr Feierabend. Fahrt zum Verein oder erst ins Hotel, um 18 Uhr umgezogen im Kraftraum, zwei Stunden Training, fünf bis sechs Tonnen Gewicht pro Einheit. Einkaufen, kochen, essen, duschen, um 23 Uhr ins Bett. Irgendwann litt mein Schlaf und es gab keine Erklärung. Meine Tage fingen gezwungenermaßen später an und hörten noch später auf. Meine Trainingseinheiten endeten immer frustrierender, meine kognitive Leistung war gestört. Wenn der Schlaf leidet, leidet der ganze Tagesablauf.

Um ein System zu hacken, musst du es kennen.

Ursprünglich entwickelte sich meine Idee aus der Beschäftigung mit dem Thema BioHacking, insbesondere im endokrinen Bereich. Der Begriff BioHacking findet sich (noch) nicht im Duden, wird aber in allen Quellen in etwa als Selbstoptimierung mithilfe von Wissenschaft und Forschung erklärt. Um ein System zu hacken, musst du es kennen. Also fing ich an zu reflektieren, mein Mindset genauso wie meine Umwelt und meinen Körper. Über Ernährung und Hormone bin ich zum Schlaf gekommen und geblieben. Dies ist eine grobe Aufzeichnung meiner Faszination an der Wissenschaft und der Kraft der Gedanken.

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Warum schlafen wir denn eigentlich? Tatsächlich ist diese Frage wissenschaftlich nicht abschließend geklärt. Aber, um Matthew Walker, einen führenden Experten im Thema Somnologie zu zitieren: „Wenn Schlaf keine bemerkenswerten Vorteile bietet, dann ist er der größte Fehler, den der Evolutionsprozess hervorgebracht hat.“. In acht Stunden, einem Drittel unseres Tages und damit Lebens, in denen wir (und alle anderen Säugetiere) handlungsunfähig und Fressfeinden ausgeliefert daniederliegen, MUSS etwas passieren, was unserem Organismus das Überleben sichert. Über was die Biologie und Medizin mittlerweile recht gut Bescheid wissen, sind die Regenerationsmechanismen unseres Körpers und Hirns im Schlaf. Diese Mechanismen werden in der Zeit unserer Nachtruhe in zyklischer Reihenfolge abgerufen und wiederholt. Grob wird hier unterschieden in körperliche und neuronale Regeneration, welche im Wechsel abläuft.

Ausschließlich im Schlaf wird beispielsweise ein Stoff namens HGH ausgeschüttet – Human Growth Hormone – welcher die Reparaturvorgänge in Zellen antriggert. Dieses Wachstumshormon ist zum Beispiel dazu da, dass durch Stress und generelle Nutzung geschädigte Blutgefäßwände repariert und wiederhergestellt werden. Ist diese Produktion durch qualitativ oder quantitativ schlechten Schlaf gestört oder gehemmt, findet keine ausreichende Wiederherstellung von starkem Zellmaterial statt. Außerdem steigt durch fehlende Schlafqualität das durchschnittliche Stresslevel inklusive Herzfrequenz, Blutdruck,  Körperkerntemperatur – eine Abwärtsspirale. Das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen und Ereignisse steigt. Eines der globalsten Experimente – wenn auch unbeabsichtigt – findet zwei Mal im Jahr massiv erhöhte bzw. verringerte Raten an Herzinfarktpatienten in Notaufnahmen: In der Nacht nach der Zeitumstellung! Diese eine Stunde des Schlafentzugs ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, bzw. eben auch im umgekehrten Fall zum Sinken der koronaren Notfälle führt!

Auf neuronaler Ebene wird Schlaf in letzter Zeit auf zwei Ebenen vermehrt diskutiert: Wenn es um die Leistungsfähigkeit von Jugendlichen in den frühen Morgenstunden geht und in Bezug auf Alzheimer-Erkrankungen. Ersteres ist deshalb so von Interesse und Besorgnis, da die Wissenschaft mittlerweile zeigen konnte, dass der Tagesrhythmus von Teenagern verglichen mit Kindern oder Erwachsenen um ein bis drei Stunden nach hinten verschoben abläuft. Einen Jugendlichen um 5:30 Uhr zu wecken und um sieben Uhr kognitive Leistungen zu erwarten, gleicht in etwa der Situation, einen Erwachsenen um 2:30 Uhr nachts zu wecken und ihm um vier Uhr komplexe Aufgabenstellungen, möglicherweise eine Prüfung vorzusetzen. Das Ganze findet seine Spitze in den USA, wo eben diese Teenager ihr eigenes Auto zur Schule steuern, während ihr Hirn genetisch bedingt noch in der Verfassung eines massiven Schlafdrucks hängt.

Was das Altern und die mittlerweile schon zur Volkskrankheit mutierten Alzheimer-Geschichte angeht, ist Schlaf aus folgendem Grund so interessant: Ähnlich des Lymphsystems, das Abfallstoffe aus unserem Körper abzutransportieren vermag, konnte 2014 auch im menschlichen Hirn eine Müllabfuhr nachgewiesen werden. Das sogenannte glymphatische System arbeitet im Tiefschlaf und leitet metabolische Abfallstoffe, ergo Gifte aus, unter Anderem eben ein Protein namens Beta-Amyloid, welches in direktem Zusammenhang mit Alzheimer steht. Fehlt uns Tiefschlaf, was im Alter so oder so passiert, auch schon in frühen und mittleren Lebensphasen, entsteht hier eine immer weiter voranschreitende Vermüllung unserer Hirnzellen, besonders auch des bestimmten Hirnareals, das Tiefschlaf generiert – wieder eine Abwärtsspirale.

to be continued…

#WissenIstNacht